Promotion im Team Verbraucherinformatik

Christina Pakusch blickt in die Zukunft des Autonomen Fahrens

Corona macht es möglich bzw. nötig: Aus dem heimischen Wohnzimmer verteidigte Christina Pakusch ihre Dissertation mit dem Titel „Technology Assessment of Autonomous Driving – Are Shared Autonomous Vehicles Ecologically and Socially Sustainable?“. Gemeinsam genutzte autonome Fahrzeuge bieten große Potentiale für eine nachhaltigere Mobilität – jedoch auch eine reelle Gefahr von nicht erwünschten Modal Shifts (Verkehrsverlagerungen), wie ihre Arbeit gezeigt hat. Und dass Taxifahrer im Zeitalter von autonomem Fahren keine Rolle mehr spielen, ist auch noch längst nicht gesagt. Die Dissertation entstand als kooperative Promotion zwischen dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und der Universität Siegen. Unter dem Vorsitz von Prof. Gustav Bergmann und der Begutachtung von Prof. Gunnar Stevens und Prof. Dirk Schreiber wurde ihr wichtiger Forschungsbeitrag mit „summa cum laude“ ausgezeichnet.

Die Nachhaltigkeitseffekte der modernen Sharing Economy werden seit ihrem Aufkommen kontrovers diskutiert. Wurde ihr Potenzial zunächst im Sinne einer Post-Eigentumsentwicklung mit Blick auf die Dezentralisierung der Wertschöpfung und die Erhöhung des Sozialkapitals und der Umweltentlastung durch eine bessere Auslastung der materiellen Güter diskutiert, wurden in den letzten Jahren zunehmend Kritiker laut. Viele erhofften sich vom Carsharing eine Entwicklung weg vom Eigentum hin zur flexiblen Nutzung und damit zu einer ressourceneffizienteren Mobilität. Doch Carsharing fristet bisher ein Nischendasein. Eine Schlüsselinnovation, die Carsharing in Zukunft aus seinem Nischendasein herausheben könnte, ist das autonome Fahren. Diese Technologie könnte der geteilten Mobilität zu einem neuen Aufschwung verhelfen, indem sie die Schwächen des derzeitigen Carsharing-Geschäftsmodells überwindet. Flexibilität und Komfort könnten durch gemeinsam genutzte autonome Fahrzeuge deutlich gesteigert und gleichzeitig die Vorteile in Form von geringen Kosten und besserer Zeitnutzung ohne die Last des Fahrzeugbesitzes genossen werden.

Die Verkehrsforschung beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit den möglichen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Folgen des autonomen Fahrens. Allerdings fehlt es der Forschung an Wissen über die zu erwartenden Konsequenzen von gemeinsam genutzten autonomen Fahrzeugen. Zudem basieren bisherige Erkenntnisse meist auf dem Wissen von Experten, während potenzielle Nutzer selten in die Forschung einbezogen werden.

Die im Rahmen der Dissertation durchgeführten empirischen Studien liefern Evidenz dafür, dass die Automatisierung von Mobilitätsdienstleistungen wie Carsharing in geringem Umfang eine Verlagerung vom Privatfahrzeug hin zu Mobilität on demand fördern kann. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass Rebound-Effekte zu erwarten sind: Deutlich mehr Nutzer könnten zulasten des nachhaltigeren ÖPNVs zu solchen neuen Verkehrsangeboten wechseln, was zu schließlich sogar zu einer Verstärkung der Verkehrsprobleme führen könnte.

Auch die Taxibranche wird stark durch die neuen autonomen Mobilitätsdienste beeinflusst werden. Jedoch wird die Technik wohl auch in Zukunft den Taxifahrer nicht komplett ersetzen können. Pakuschs Ergebnisse zeigen, dass zwar ein großer Teil der durchgeführten Taxifahrten durch „shared autonomous vehicles“ ersetzt werden kann, dass jedoch die von den Fahrern erbrachten Leistungen über den reinen Transport hinausgehen, so dass auch im Zeitalter der SAVs der Bedarf an menschlicher Hilfe weiter bestehen wird, etwa für mobilitätseingeschränkte Personen – wenn auch in geringerem Umfang.

Zwar unterliegen Forschungsergebnisse über ein so innovatives Thema wie diesem hohen Unsicherheiten. Dennoch ist die frühe Abschätzung möglicher nicht-erwünschter Folgen einer Technologie auch zu einem Zeitpunkt wichtig, wo die Entwicklung noch gar nicht abgeschlossen ist – wie derzeit beim autonomen Fahren. Denn noch haben sich keine Unternehmen etabliert, haben sich bei den Verbraucher*innen keine Routinen und Gewohnheiten ausgebildet, die später nur schwer wieder umkehrbar sind – noch kann also die weitere Entwicklung vergleichsweise leicht in Hinblick auf eine wirklich nachhaltigere Mobilität beeinflusst und gegebenenfalls korrigiert werden.

Die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeiten veröffentlichte Christina Pakusch in Fachzeitschriften wie Sustainability und Travel Behavior and Society, sowie auf internationale Konferenzen wie ICT for Sustainability.