Verbraucherforum 2021

Call for Papers: Verbraucherdatenschutz – Technik und Regulation zur Unterstützung des Individuums


Forum Verbraucherforschung am Institut für Verbraucherinformatik der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg am 23.9.2021

Die Veranstaltung zielt auf die Vernetzung der Akteur:innen im Themengebiet des Verbraucherdatenschutzes sowie die Diskussion aktueller Forschungsergebnisse. Dabei sollen die folgenden Themen und Fragestellungen im Vordergrund stehen:

  • Ansätze zur Förderung von Datensouveränität von Verbraucher:innen
  • Datenschutz und Informationelle Selbstbestimmung aus Verbraucher:innensicht
  • Gestaltungsansätze und Case Studies zu “Usable Privacy”, “Data Literacy”, innovativer Regulierung und Rechtsauslegung
  • Sicherheit und Risiken für Verbraucher:innen bei der Nutzung digitaler Dienste und Produkte

Für den wissenschaftlichen Teil der Veranstaltung wird zur Einreichung von Abstracts bis zum 27.6.2021 eingeladen.

Kontext

Digitale Produkte und Dienstleistungen gehören mittlerweile zum Alltag aller Verbraucher:innen. Die zugrundeliegenden Geschäftsmodelle von Unternehmen basieren dabei häufig auf der Sammlung von Daten über das Nutzerverhalten sowie deren Verwertung, etwa für Werbezwecke. Das ist zunehmend sogar bei kostenpflichtigen Produkten der Fall, die nicht primär werbefinanziert sind. Aufklärende AGB und Datenschutzhinweise sind dabei jedoch schwer verständlich und wenig zugänglich gestaltet. Maßnahmen wie Formulierungen von Zwecken der Datenverarbeitung, oder die Erklärung der Verbraucherrechte können ihre eigentliche Schutzfunktion dadurch nicht voll entfalten.

Nicht zuletzt hat die Corona-Krise der Nutzung digitaler Dienste weiteren Vorschub geleistet und eine flexible Anpassung des Alltages erforderlich gemacht. Vor dem Hintergrund der Vielzahl digitaler Alltagsdienste ist der Aufwand einer kontinuierlichen individuellen Datenschutz-Bewertung für Verbraucher:innen kaum zu leisten. Die offizielle Corona-Warn-App auch zeigt allerdings auch, dass Technologien durchaus unter Wahrung der Privatsphäre zielführend entwickelt werden können.

Für die Verbraucherpolitik und die Verbraucherwissenschaften stellen sich vor diesem Hintergrund Fragen nach einer besseren Unterstützung von Verbraucher:innen beim Schutz ihrer Privatsphäre sowie der Förderung ihrer Datensouveränität und informationellen Selbstbestimmung (Stevens u. a. 2019). Diese wird aber oftmals stark individualistisch, d. h. vom Verhalten der Nutzenden und ihrer vermeintlich “informierten” und “freiwilligen” Einwilligung konzipiert. Um Verbraucher:innen in dieser überfordernden Arbeit zu entlasten, soll das geplante Verbraucherforschungsforum das Zusammenspiel technischer und regulatorischer Ansätze mit Interessen der Vebraucher:innen in den Fokus rücken, also analysieren, wie Verbraucher:innendatenschutz kollektiv und rechtlich gewährleistet werden kann.

Aus einer technischen Perspektive können Ansätze wie Usable Privacy vielversprechend sein. Usable Privacy zielt darauf ab, Sicherheitssysteme aus Nutzersicht zu entwerfen (Cranor 2008) und Nutzende beim Management ihrer Privatheit zu unterstützen (Adams und Sasse 1999). Dies umfasst Aspekte wie die Verbesserung der Privacy Awareness (Langheinrich 2002), die gebrauchstaugliche Gestaltung von Sicherheitswerkzeugen (Whitten und Tygar 1999) und die verständliche Gestaltung von Datenschutzhinweisen (Schaub u. a. 2015; Angulo u. a. 2012), aber auch die Unterstützung von Data Literacy als Schlüsselqualifikation für informierte Datenschutzentscheidungen (Pangrazio und Sefton-Green 2020). Mit Blick auf die europäische Datenschutzgrundverordnung zeigt sich hier zunehmend, dass selbst die effektive Ausübung der Betroffenenrechte entsprechende Kompetenzen bzw. technische Unterstützung bei der Einforderung und Interpretation erfordert. Hier fehlt es noch an ergänzenden Maßnahmen, damit Daten im Hinblick auf ihren Informationsgehalt verstanden und effektiv gehandhabt werden können (Pins u. a. 2020).

Während technische Ansätze und Bildungskonzepte auf das Individuum abzielen, rücken politisch-regulatorische Ansätze auch die Angebotsseite und ihre Geschäftsmodelle in den Vordergrund. Insbesondere durch die Veröffentlichung von “Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ (Zuboff 2018) wurde die Logik der Datenextraktion und Datennutzung in der digitalen Ökonomie in den Fokus gerückt. Damit verbunden ist die Frage, wie die ökonomische Macht der Konzerne durch die Setzung politischer und rechtlicher Rahmenbedingungen eingehegt werden kann (Pasquale 2018; Staab 2019). Sowohl die rechtliche Interpretation der Datenschutzgrund- als auch die Ausgestaltung der aktuellen ePrivacy-Verordnung zeigen hochaktuell, dass die Berücksichtigung regulatorischer Ansätze von erheblicher Bedeutung für den Verbraucher:innenschutz ist.

Die Veranstaltung will sich der Thematik daher aus einer multi-perspektivischen Sichtweise widmen und Beiträge zu konzeptionellen Überlegungen, empirischen Untersuchungen sowie auch sozio-technischen, politikwissenschaftlichen und juristischen Studien zusammenbringen.

Autorenrichtlinien und Deadlines

Interessierte Teilnehmer:innen reichen Vorschläge für Beiträge in Form eines aussagefähigen Abstracts (ca. 2000 Zeichen) ein. Die finalen Beiträge sollten eine Länge von 20 Seiten exklusive Literatur nicht überschreiten.

Ausgewählte Beiträge werden im Rahmen eines ca. 20-minütigen Vortrags auf der Veranstaltung vorgestellt und diskutiert. Es ist geplant, die Beiträge im Anschluss als digitalen Konferenzband auf dem Schriftenserver der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg unter einer Open Access Lizenz zu veröffentlichen.

  • Einreichung Abstract: 27.6.2021 24.00 Uhr AoE
  • Entscheidung über Annahme: 16.7.2021
  • Einreichung Langbeitrag: 22.08.2021
  • Präsentation: 23.9.2021
  • Abgabe Konferenzbandversion: 03.10.2021

Als Format sowohl für Abstracts als auch für Langbeiträge bitten wir, das folgende Format der ECSCW 2021 Notes  zu nutzen: MS Word (https://ecscw.eusset.eu/2020/wp-content/uploads/2019/09/ECSCW-2020_Template_.doc) oder LaTeX (https://ecscw.eusset.eu/2020/wp-content/uploads/2019/09/ECSCW-2020_Template.zip)

Einreichungen in deutscher Sprache senden Sie bitte per Mail an: alexander.boden@h-brs.de

Format der Veranstaltung

Die Veranstaltung widmet sich vor allem an Verbraucherforscher:innen aus akademischen Disziplinen wie der Psychologie, den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften,  insbesondere der Verbraucherinformatik sowie inter- und transdisziplinären Forschungsvorhaben. Dabei sollen vor allem auch Nachwuchsforscher:innen ermutigt werden, ihre Arbeiten vorzustellen.

Die Veranstaltung ist als Tages-Workshop konzipiert. Der Ablauf ist wie folgt geplant:

  • Begrüßung und Einführung, Vorstellung der Teilnehmer:innen
  • Keynote (Prof. Ulrich Kelber, Bundesdatenschutzbeauftragter)
  • Präsentation und Diskussion der eingereichten Beiträge
  • Paneldiskussion
  • Abschließende Diskussion

Die Veranstaltung findet an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg in Sankt Augustin statt. Im Fall von strengeren Kontaktbeschränkungen soll auf ein hybrides Format ausgewichen werden, soweit geltende Hygienekonzepte- und Vorschriften dies gestatten. Um möglichst vielen Menschen Zugang zur Tagung zu verschaffen, werden die Vorträge gestreamt. Der Besuch ist für alle Interessierten kostenfrei.

Veranstalter

Prof. Dr. Alexander Boden
Institut für Verbraucherinformatik, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

Dr. Timo Jakobi
Institut für Verbraucherinformatik, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

Partner

Prof. Dr. Gunnar Stevens
Lehrstuhl für IT-Sicherheit, Universität Siegen

Dr. Christian Bala
Kompetenzzentrum Verbraucherforschung, NRW


Referenzen

Adams, Anne, und Martina Angela Sasse. 1999. „Users are not the enemy“. Communications of the ACM 42 (12): 40–46. https://doi.org/10.1145/322796.322806 .

Angulo, Julio, Simone Fischer‐Hübner, Erik Wästlund, und Tobias Pulls. 2012. „Towards usable privacy policy display and management“. Herausgegeben von Nathan Clarke und Steven Furnell. Information Management & Computer Security 20 (1): 4–17. https://doi.org/10.1108/09685221211219155 .

Cranor, Lorrie Faith. 2008. „A framework for reasoning about the human in the loop“. In Proceedings of the 1st Conference on Usability, Psychology, and Security, 1–15. UPSEC’08. USA: USENIX Association.

Langheinrich, Marc. 2002. „A Privacy Awareness System for Ubiquitous Computing Environments“. In UbiComp 2002: Ubiquitous Computing, herausgegeben von Gaetano Borriello und Lars Erik Holmquist, 237–45. Lecture Notes in Computer Science. Berlin, Heidelberg: Springer. https://doi.org/10.1007/3-540-45809-3_19.

Pangrazio, Luci, und Julian Sefton-Green. 2020. „The social utility of ‘data literacy’“. Learning, Media and Technology 45 (2): 208–20. https://doi.org/10.1080/17439884.2020.1707223.

Pasquale, Frank. 2018. „New Economic Analysis of Law: Beyond Technocracy and Market Design“. Critical Analysis of Law 5 (1). https://cal.library.utoronto.ca/index.php/cal/article/view/29502.

Pins, Dominik, Alexander Boden, Britta Essing, und Gunnar Stevens. 2020. „‚Miss understandable‘: a study on how users appropriate voice assistants and deal with misunderstandings“. In Proceedings of the Conference on Mensch und Computer, 349–59. MuC ’20. New York, NY, USA: Association for Computing Machinery. https://doi.org/10.1145/3404983.3405511.

Schaub, Florian, Rebecca Balebako, Adam L. Durity, und Lorrie Faith Cranor. 2015. „A Design Space for Effective Privacy Notices“. In Proceedings of the Eleventh USENIX Conference on Usable Privacy and Security, 1–17. SOUPS’15. Berkeley, CA, USA: USENIX Association. http://dl.acm.org/citation.cfm?id=3235866.3235868.

Staab, Philipp. 2019. Digitaler Kapitalismus: Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit. 1. Aufl. Suhrkamp Verlag.

Stevens, Gunnar, Alexander Boden, Lars Winterberg, Jorge Gómez, und Christian Bala. 2019. „Digitaler Konsum: Herausforderungen und Chancen der Verbraucherinformatik“. Wirtschaftsinformatik 2019 Proceedings, Februar. https://aisel.aisnet.org/wi2019/workshops/papers/6.

Whitten, Almar, und J.D. Tygar. 1999. „Why Johnny Can’t Encrypt: A Usability Evaluation of PGP 5.0“. In Proceedings of the 8th USENIX Security Symposium, August 23-36, 1999, Washington, D.C., 169–84. https://www.usenix.org/legacy/events/sec99/full_papers/whitten/whitten_html/index.html.

Zuboff, Shoshana. 2018. Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Übersetzt von Bernhard Schmid. Frankfurt New York: Campus Verlag.